Schriftanalyse

Analysematerial und Voraussetzungen
Analyseprozess
Grundhaltung und Fähigkeiten des Graphologen

Analysematerial und Voraussetzungen

  • Das zu untersuchende Schriftstück (liniert oder unliniert) sollte aus mindestens zehn fortlaufenden Zeilen, am besten aus einer DIN A4-Seite bestehen. Es ist für die fundierte Aussage ratsam, dem Graphologen verschiedene Schriftstücke, die spontan verfasst wurden – ohne den Gedanken an die graphologische Untersuchung – zu überreichen. Die Schriftstücke können, falls der Schreiber das Aufzeigen einer Entwicklung wünscht, auch aus verschiedenen Jahren stammen.
  • Die Wahl des Schreibmaterials kann mit einem beliebigen Utensil (Füller, Filzstift, Kuli, Bleistift etc.) erfolgen.
  • Bezüglich der persönlichen Angaben des Schreibers muss der Graphologe wissen, welches Geschlecht und Alter der Schreiber hat und welchen Beruf er ausübt bzw. welche Ausbildung (z.B. Realschule, Lehre, Studium) er durchlaufen hat.
  • Eine Fragestellung des Schreibers bzw. des Auftraggebers wird benötigt. Was Fragen der Personalauswahl und -entwicklung betrifft, ist das Einverständnis des Kandidaten zur Analyse seiner Handschrift und eine Stellenbeschreibung unabkömmlich. Analysen über nicht in Kenntnis gesetzte Dritte werden grundsätzlich nicht erstellt.

Analyse- und Interpretationsprozess
Mit einem geschulten graphologischen Auge, fundierten Kenntnissen sowie einer Lupe (meist zwei- bis dreifache, aber auch fünf- bis zehnfache Vergrößerung) und einem Lineal setzt sich der Graphologe mit der Schrift auseinander.
In der Graphologie geht man – wie bereits erwähnt – von Ganzheits- und Einzelmerkmalen aus. Einzelmerkmale haben eine bestätigende Funktion gegenüber den Ganzheitsmerkmalen. Entgegen einem vielleicht verbreiteten Vorurteil schließt ein gut ausgebildeter Graphologe nicht aus großen G-Schleifen auf einen speziellen Charakterzug. Zu den subjektiv erfassbaren Ganzheitsmerkmalen zählen zum Beispiel der Grundrhythmus, die Eindruckscharaktere, die Strichgestalt, das Ebenmaß, Regelmaß usw. Die messbaren Einzelmerkmale hingegen sind Größe, Druck, Raumeinteilung, Weite, Schriftlage etc. Die graphologischen Merkmale setzen sich somit aus Ganzheits- und Einzelmerkmalen zusammen. Dazu kommt auch die Erfassung von psychologischen Merkmalen, welche aufgrund der analysierten graphologischen Merkmale festgestellt werden. Die psychologischen Merkmale zeigen sich z.B. in der Beschreibung der Funktionen nach C.G. Jung oder der Verfassung des Ich-Kerns einer Person. Bei der Erstellung der Interpretation steht der Graphologe nun vor der komplexen Aufgabe, die analysierten Ergebnisse in sprachlich verständlicher, gewichteter und sinngemäß zusammenhängender Form zu synthetisieren. So ergibt sich die Strukturanalyse der Persönlichkeit.

 

Grundhaltungen und Fähigkeiten des Graphologen
Der zentrale Punkt ist das Verantwortungsgefühl, welches man im Umgang mit der Schrift und der Person auf sich nimmt. Die Schrift mag zwar einen entpersonalisierten, greifbaren Mitteilungscharakter haben, aber dahinter steht jedoch immer eine Person – somit etwas Menschliches, Würdevolles und nicht ganz Greifbares mit Gefühlen, Wünschen und Ängsten. Das Menschliche, welches einem durch die Schrift entgegentritt, gilt es ernst zu nehmen und zu achten. Es geht nicht um die Verurteilung bestimmter Verhaltensweisen, die wahr oder falsch sind, sondern um das Verstehen des Warum. Um dieses Warum genauer zu erfahren, wird auch eine graphologische Analyse niemals ausreichen, da eine Persönlichkeitsanalyse nur das Resultat von Charakterzügen und Verhaltensweisen ist, die sich über sehr lange Zeiträume entwickelt haben. Dennoch kann ein Gespräch mit dem Schreiber oft mehr Einblick in das Warum geben und so dem Schreiber, aber auch dem Graphologen zu einer Bewusstseinserweiterung verhelfen. Das gemeinsame Gespräch zwischen Schreiber und Graphologe ist vor allem deshalb von Bedeutung für den Schreiber, weil die eher abstrakte graphologische Strukturanalyse der Persönlichkeit an Lebendigkeit und lebensweltlichem Zusammenhang gewinnt. Zudem können etwaige sprachliche Verständnisprobleme geklärt werden – die Frage: „Wie haben Sie das gemeint?“ spielt in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle. Das Gespräch ist somit ein wichtiger Teil der graphologischen Arbeit.

Neben dem Verantwortungsgefühl, der Kommunikationskompetenz sowie einem fundierten theoretischen und anwendungsbezogenen Grundwissen als unabdingbare Voraussetzung gibt es noch weitere Anforderungen an die Grundhaltung und Fähigkeiten des Graphologen:

  • ein bestimmtes Maß an Selbsterkenntnis und -erfahrung
  • Interaktions- und Handlungskompetenz
  • Sensibilität für Menschen, Situationen und Krisenherde
  • Kenntnis von verschiedenen Formen der beratenden Gesprächsführung
  • Ein hohes Maß an Wissen über Lebenskontexte und die Fähigkeit, sich schnell in persönliche Sinnsysteme hineinzuversetzen
  • Sich der Herausforderung stellen, dass jede Erkenntnis eines Menschen zugleich neue Unsicherheiten, Zweifel und Fragen über das potentielle Wissen hervorbringt. Der Graphologe sollte diese Unsicherheit nicht als Problem betrachten, sondern als eine Grundgegebenheit, die ihn dazu auffordert, in einen unendlichen dialektischen Prozess mit sich selbst, den Mitmenschen und der Welt insgesamt zu treten. Es liegt auch die Aufforderung darin, den neuen Fragen und Zweifel bei der Erkenntnis eines Menschen mit innerer Freude, Dankbarkeit, Heiterkeit und Ruhe zu begegnen.
  • Last but not least braucht ein Graphologe genügend Flexibilität, was menschliche Werte, Motive und unterschiedliche Lebenswege betrifft, wenn er die Handschrift anderer analysiert und interpretiert. Das umfasst auch die Fähigkeit, eigene Werte und Motive von denen der Mitmenschen zu unterscheiden. Dies endet in keinem Wertrelativismus, sondern in der Fähigkeit, sich in das der Persönlichkeitsstruktur des Schreibers angemessene Sinn- und Wertsystem hineinzuversetzen.


In einem beständigen Prozess der persönlichen Entwicklung, Selbstbeobachtung und Veränderung sollte der Graphologe den genannten Grundhaltungen und Fähigkeiten immer näher kommen, um anderen Menschen bei ihrer Selbsterkenntnis behilflich sein zu können.

last update 30.05.2005