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Schriftproben
Die Schriftproben berühmter Menschen sollen im
Folgenden eine Auswahl an Persönlichkeitsaspekten zeigen, welche
mit dem Instrument der Schriftanalyse erkannt werden können. Die
Einzelanalysen erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, da sie
dem Leser nur einen Eindruck davon vermitteln sollen, was durch
die Handschriftanalyse herausgefunden werden kann.
Friedrich Nietzsche
Ingeborg Bachmann
Thomas Bernhard
Friedrich
Nietzsche
Tätigkeit
Philosoph, geb. am 15. Oktober 1844 in Röcken b. Leipzig
Analysierte Schriftprobe
Brief vom 22. September 1886
Alter zur Zeit der Schriftprobe
42 Jahre

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Interpretation der Analyse
Ein starker Wille bringt zielgerichtet und
sehr differenziert-detaillierte Leistungen hervor. Seine geistigen
Fähigkeiten zeichnen sich durch ein bemerkenswertes Abstraktionsvermögen,
Originalität, große Bewusstheit, Gestaltungs- und Wirkkraft
aus. Dem Schreiber ist ein nicht zu übertreffender Scharfsinn
und Esprit eigen. Ehrgeizig versucht er seinem Leistungsanspruch
gerecht zu werden. Der Leistungsehrgeiz ist nicht selten so hoch,
dass er sich überfordert und seine Reserven bis zuletzt ausschöpft.
Das Kompromisslose sowie die Kritiklust zeigen sich deutlich in
der Schrift und können ihn zu einem heftigen Opponenten gegenüber
seiner Umwelt werden lassen. Dies kann z.B. in radikalen Alles-oder-nichts-Standpunkten
zum Ausdruck kommen und als eine Wirkung dessen gesehen werden,
dass er sich in die ihn umgebenden Menschen und deren Leben nur
schwer einfühlen kann. Bei dem Schreiber findet sich eine Hilflosigkeit
im Umgang mit emotional-zwischenmenschlichen Situationen und der
Konfliktlösung in diesem Bereich: Bei der geringsten Unsicherheit
oder bei dem kleinsten Misstrauen zieht er sich sofort zurück.
So kommt es, dass er es bevorzugt, unabhängig und autark zu
sein, sich von nichts und niemandem etwas sagen zu lassen, sich
an nichts zu binden – vor allem nicht im intimen Bereich.
Der Schreiber hat Angst davor, enttäuscht zu werden, Angst
vor Nähe und Hingabe an das Du. Um sich damit nicht auseinandersetzen
zu müssen, strebt er nach Selbstbehauptung, emotionaler Unabhängigkeit
und widmet sich mehr dem überpersönlich-geistigen Bereich,
in dem er hervorragende Leistungen erzielen kann.
Zitate von Friedrich Nietzsche
„Willst du das Leben leicht haben, so bleibe immer bei der
Herde.“
„Wer sich stets zu viel geschont hat, der
kränkelt zuletzt an seiner vielen Schonung. Gelobt sei, was
hart macht!“
„Schweigen ist ein Einwand, Hinunterschlucken
macht notwendig einen schlechten Charakter – es verdirbt selbst
den Magen. Alle Schweiger sind dyseptisch. – Man sieht, ich
möchte die Grobheit nicht unterschätzt wissen, sie ist
bei weitem die humanste Form des Widerspruchs und, inmitten der
modernen Verzärtelung, eine unserer ersten Tugenden.“
„Hat man Charakter, so hat man auch ein typisches
Erlebnis, das immer wieder kommt.“
Ingeborg Bachmann
Tätigkeit
Philosophin, Journalistin, Lyrikerin, geb. am 25. Juni 1926 in Klagenfurt/Österreich
Analysierte Schriftprobe
Reinschrift eines Gedichts vom 16. Juni 1957
Alter der Schreiberin zur
Zeit der Schriftprobe
31 Jahre

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Interpretation der Analyse
Das Denken der Schreiberin ist flexibel,
eigenständig und gewandt. Auf die verschiedenen Themen, Konzepte
und Denkmodelle, die ihr als Philosophin und Journalistin begegnen,
kann sie sich leicht einstellen und der Situation sowie deren Anforderungen
gemäß reagieren. Sie verschafft sich raschen einen Überblick
über die jeweiligen Verhältnisse. Daraufhin beginnt sie
die Ideen und Prozesse zu analysieren und sie sowohl durch logisches
als auch durch intuitives Folgern zu verstehen. Sie durchdenkt verschiedene
Lösungen, doch wird sie sich oftmals nicht für eine definitiv
entscheiden können. Wenngleich das Rationale eine bedeutende
Rolle im Leben der Schreiberin spielt, so leuchtet doch immer wieder
die Kreativität, Inspiration und das zurückhaltende, nicht
nach außen gekehrte Gefühlsempfinden auf.
Die Belastbarkeit der Schreiberin hält sich in Grenzen, was
zur Folge hat, dass sie lang andauernde Anstrengungen nicht so gut
verkraftet. Das schlussendliche Erreichen eines Ziels empfindet
sie als einen sehr ermüdenden Kampf und es kann manchmal vorkommen,
dass sie bereits vor Erreichen des Ziels die Flinte ins Korn wirft.
Ihr planvolles Vorgehen und ihr ökonomischer Arbeitseinsatz
kann in diesem Fall ausgleichend wirken.
Die Schreiberin konzentriert sich auf ihre Interessen, lebt eher
unauffällig und zurückgezogen. Sie hinterlässt den
Eindruck einer sensiblen und nicht allzu robusten Persönlichkeit.
Kontakte, bei denen der geistig-kreative Austausch im Vordergrund
steht, werden von der Schreiberin geschätzt. Sie ist am anderen
interessiert, hat ein sehr feines Einfühlungsvermögen,
aber sie achtet darauf, dass das Gegenüber ihre persönliche
Schutzzone nicht betritt. Oft ist sie unsicher und schüchtern
in der Begegnung mit anderen, was sich vor allem dann äußert,
wie sie ihren Gefühlen und Wünschen Ausdruck verleihen
soll. Fairness und gegenseitige Rücksichtnahme sind ihr wichtig
im Umgang miteinander. Wird dies von ihrer Umwelt nicht beachtet,
kann sie sehr empfindlich reagieren. Auseinadersetzungen oder grobe
Umgangsformen meidet sie. Anstatt auf den eigenen Standpunkt zu
pochen, geht es der Schreiberin um das bewusste Verstehen der eigenen
und fremden Perspektive sowie um die konstruktive Verbindung beider.
Zitate von Ingeborg Bachmann
„Hätten wir das Wort, hätten wir die Sprache, wir
bräuchten die Waffen nicht.“
"Was aber möglich ist, in der Tat, ist
Veränderung. Und die verändernde Wirkung, die von neuen
Werken ausgeht, erzieht uns zu neuer Wahrnehmung, neuem Gefühl,
neuem Bewusstsein."
„Und ich glaube nicht an diesen Materialismus,
an diese Konsumgesellschaft, an diesen Kapitalismus, an diese Ungeheuerlichkeit,
die hier stattfindet.... Ich glaube wirklich an etwas, und das nenne
ich 'ein Tag wird kommen’. Und eines Tages wird es kommen.
Ja, wahrscheinlich wird es nicht kommen, denn man hat es uns immer
zerstört.... Es wird nicht kommen, und trotzdem glaube ich
daran. Denn wenn ich nicht mehr daran glauben kann, kann ich auch
nicht mehr schreiben.“
Thomas
Bernhard
Tätigkeit
Schriftsteller, geb. am 9. Februar 1931 in Heerlen bei Maastricht/Holland
Analysierte Schriftprobe
Brief an Hilde Spiel vom 2. März 1971
Alter des Schreibers zur
Zeit der Schriftprobe
40 Jahre

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Interpretation der Analyse
In der vorliegenden Schrift überwiegt
das erlebnisgebundene Denken und Vorstellen das abstrakte Denken.
Geschickt und schnell verbindet er aufgrund von Assoziationen die
verschiedensten Themenkreise, wobei ihm an detaillierten Analysen
weniger gelegen ist, sondern mehr an der großen Gesamtschau,
dem Einfangen und der Wiedergabe von Stimmungen sowie einem flüssigen
Gedankenablauf. Dabei bewegt er sich auf ungewohnten Denkbahnen,
findet eigenständige und kreative Ideen, Denkmodelle, etc.
Seine Gedanken präsentiert er sprunghaft und umschreibend.
Manches Mal ist er zu flüchtig, ungeduldig und leichtfertig,
um Gedankengänge ganz zu durchdenken. An Details erinnert er
sich am besten, wenn Sie im Zusammenhang mit einem bestimmten Muster
stehen.
Der Schreiber bevorzugt eine Arbeit und Umgebung mit Abwechslung,
er schätzt es, wenn er immer wieder neue Lösungen zu Problemen
finden kann. Durch unflexible Strukturen, feste Abläufe, Vorschriften
und fixe Pläne fühlt er sich eingeengt. Regeln oder Normen
spielen weder in seinem Denken, noch in seinem Verhalten oder seiner
Urteilsbildung eine ausschlaggebende Rolle. Er zieht es vor, die
Dinge so lange wie möglich offen zu halten, Lösungen situativ
und selbständig zu erarbeiten. Die in diesem Absatz erläuterten
Fähigkeit kann er bei seiner schriftstellerischen Tätigkeit
gut einbringen.
Seine Persönlichkeit ist sehr stark von einer inneren Unruhe
geprägt, was sich daraus erklärt, dass er sich gegen innere
und äußere Reize schlecht abgrenzen kann. Sich auf etwas
zu konzentrieren und sich nicht ablenken zu lassen, fällt ihm
schwer. Auf Außenstehende kann er den Eindruck eines Sich-treiben-Lassenden
erwecken, der immer auf dem Sprung zu etwas ist und stets neue Ideen
hat.
Der Umgang mit dem Schreiber gestaltet sich nicht ganz unkompliziert.
Er scheint sich zwar teilweise anzupassen und tolerant zu sein,
aber mehr aufgrund von Desinteresse. Seine Nonchalance sowie das
Nicht-Fixieren bei Entscheidungen können im Umgang mit ihm
sehr angenehm sein. In bezug auf gemeinsame Entscheidungen oder
Projekte, bei denen Initiative unabhängig von persönlichen
Vorlieben und Stimmungen gefragt ist, definitive Aussagen und das
Beziehen eines festen Standpunkts notwendig wären, können
diese Eigenschaften auch eine mühsame Seite haben. Seine eigenwilligen
Vorstellungen, Überzeugungen sowie Darstellungswünsche
können öfter etwas zu sehr in den Vordergrund rücken,
was der Zusammenarbeit, Toleranz und Kompromissbereitschaft im Wege
stehen kann. Dem Schreiber liegt zudem nicht sehr viel daran von
seiner Umwelt verstanden zu werden. Darin zeigt sich ein gewisses
Exklusivitätsgefühl: er nimmt sich die Freiheit, Dinge
so zu gestalten und darzustellen, wie er sie für richtig hält
ohne allzu sehr darauf zu achten, ob dies im Einklang mit seiner
Umwelt steht. Sein wechselhaftes und schwer einschätzbares
Verhalten erklärt sich dadurch, dass er häufigen Stimmungsschwankungen
unterworfen ist. Hinzu kommen seine Vieldeutigkeit, Strohfeuernatur,
sein Abwechslungsbedürfnis und eine daraus resultierende Unbeständigkeit
– Eigenschaften, die einen Kontakt sowohl anstrengend und
kompliziert als auch lebendig und vielseitig werden lassen können.
Zitate von Thomas Bernhard
„Um mich ausleben zu können, wie ich es will, bleibt
mir nichts anderes übrig als das Alleinsein. Es ist eben so,
dass mich Nähe tötet. Aber ich bin deshalb nicht zu bedauern.
Jeder ist an allem selbst Schuld.“
„Ich weiß, dass ich maßlos untertreibe,
dass das so harmlos ist, was bei mir steht, nur wenn man’s
noch mehr überzieht, glaubt einem ja gar kein Mensch mehr.“
„Und die sind völlig leer; die Leut’
haben ja eine völlige Leere, sie haben wirklich nur die Kinder
und einen Beruf und sonst nichts, sonst gar nichts. Nicht einmal
Phantasie, noch irgendein Interesse, noch irgendetwas. Reden lauter
dummes Zeug daher, und ihre Kinder, die ja lieb und wunderbar sind,
die werden genauso: unwichtige, scheußliche Erwachsene, blade
und magere, aber blöde.“
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